Geschichtliches

Historisches zum alten Fährhaus

Eigentlich hätte der 4. November 1860 ein Freudentag werden sollen: Der althergebrachte Martinimarkt in Waging am See bot den Besuchern eine fröhliche Zusammenkunft. Doch der Marktsonntag vor 150 Jahren endete in einer Tragödie – beim Kentern eines Schiffs ertranken elf Menschen.

Das Unglück nahm gegen fünf Uhr abends seinen Lauf. Auf dem Steg am heutigen Waginger Strandkurhaus herrschte ein großes Gedränge. Zahlreiche Marktbesucher, die östlich des Sees wohnten, in Tettenhausen, Kirchanschöring oder Fridolfing, wollten nach Hause – und ihnen blieb damals als einziger Verbindungsweg die Fähre nach Gut Horn. Immer mehr Menschen pressten sich auf das Schiff. Einzelne – so schrieb es der Mesner vom Mühlberg, Johann Hofmann, nach der Katastrophe nieder – „hatten, wie es bei solchen Gelegenheiten vorkommt, dem Bier zu sehr zugesprochen”. Vielleicht wollten sie auch darum die Warnung des Überführers nicht hören, dass zu viele im Boot sitzen. „Man drohte dem Führer die Ruder mit Gewalt wegzunehmen und eigenmächtig abzufahren”, hielt es Mesner Hofmann fest. Mit 28 Fahrgästen, acht mehr als erlaubt, legte die Fähre schließlich ab. Schon nach zehn Metern senkte sich das Schiff und füllte sich mit Wasser. „Es kam Panik auf, in der sich alles im echten Wortsinn aufschaukelte”, weiß der heutige Ortsheimatpfleger von Waging am See, Franz Patzelt. Das Boot kenterte und die Insassen landeten im Wasser.

Aus heutiger Sicht mutet es merkwürdig an, warum sich die Menschen – nur zehn Meter vom Ufer weg – nicht retten konnten. Ortsheimatpfleger Patzelt klärt auf: „Der See ist an dieser Stelle schon fünf Meter tief, und damals konnten nur wenige Leute schwimmen.” Die warme Novemberkleidung tat das Ihrige dazu. „Der dicke Loden saugte sich schnell voll und zog die Menschen nach unten.” Wenn die Aufzeichnungen des Mesners vom Mühlberg stimmen, dann spielten sich im Wasser „herzzerreißende Szenen” ab. Herbeieilende sollen den Steg vom Boden losgerissen und in den See hinausgestoßen haben. Den Wölflbauer von Oed in der Gemeinde Fridolfing soll sein Sohn drei Mal wieder zum Schiff heraufgezerrt haben, doch sein schwerer Mantel zog ihn immer wieder in die Tiefe „bis ihn die Kräfte verließen”.

Einer seiner Nachfahren, der jetzige Wölflbauer von Oed, Franz Baumgartner, weiß schon seit Kindheitstagen vom Schicksal seines Ahnen: „Einer meiner Lehrer an der Schule in Törring hat mir davon erzählt.” In der Familie habe man aber nie über das Drama auf dem Waginger See geredet, so Baumgartner.

Zu Herzen geht auch das Schicksal des ertrunkenen Ehepaars Meier aus Tettenhausen: „Die beiden Eheleute waren bei der Bergung der Leichen so fest umklammert, dass ihre Finger nur mittels eines Streichers zu öffnen waren”, heißt es bei Johann Hofmann.

Wenn sich heute auch kaum noch jemand an das Unglück erinnert, blieb es lange im Gedächtnis der Menschen am See haften. Jahrzehntelang fand am Jahrtag der Katastrophe in der Kirche in Tettenhausen ein Seelengottesdienst statt. Heute erinnert noch eine Votivtafel auf Gut Horn an das dramatische Ereignis. Die Blechtafel hing früher in der Kapelle des Gutshofs, heute schmückt das restaurierte Stück die Wohnräume der Besitzerfamilien Daiss und Stepper. Das gemalte Bild zeigt 28 Menschen, die hilfslos im Wasser treiben und nach Hilfe rufen. Elf von ihnen hat der Maler ein kleines Kreuz auf den Kopf gezeichnet. Es sind die Menschen, für die vor genau 150 Jahren jede Hilfe zu spät kam